1. Einleitende Worte von Ernährungswissenschaftlerin Dr. Berber Vlieg-Boestra
Erdnüsse und Nüsse stellen häufig Auslöser für Lebensmittelallergien dar. Etwa 1,5 Prozent aller Kinder sind davon betroffen. Nussallergien können mit schweren oder sogar lebensbedrohlichen Symptomen verbunden sein. Zum Glück gilt das nicht für alle Allergiepatienten. Etwa ein Drittel zeigt nur leichte allergische Reaktionen. Bei anderen Patienten, die gegenüber Birkenpollen sensibilisiert sind, kann eine Lebensmittelallergie auf orale Symptome, ausgelöst durch Hasel- und Erdnüsse, beschränkt sein.
Eine Erdnussallergie kann bei etwa 20 Prozent bzw. eine Nussallergie bei 10 Prozent der Patienten gelindert werden (3). Sogar eine Linderung der Anaphylaxie (akute, pathologische Reaktion des Immunsystems) wurde gezeigt (4). Jedoch verschwindet die Erdnuss- oder Nussallergie bei den meisten Patienten nicht völlig. Daher ist für diese Menschen der einzig sichere und effektive Weg, den Nussverzehr komplett zu vermeiden.
Erdnuss- und nussfreie Ernährung als Lösung?
Bis heute steht keine Therapie für Lebensmittelallergien zur Verfügung. Lediglich die Vermeidung der allergieauslösenden Lebensmittel schafft Abhilfe. Üblicherweise werden bei Allergiepatienten Ärzte und Ernährungswissenschaftler in die Ernährungsplanung einbezogen. Die klinische Vorgeschichte, Einstichtests auf der Haut und die Bestimmung von spezifischen Antikörpern vom Typ Immunglobulin E (IgE) helfen bei der Diagnose von Erdnuss- und Nussallergien. Allerdings gibt es auch Fallstricke: Eine Sensibilisierung gegenüber Lebensmitteln kann auch ohne klinische Symptome auftreten. In diesem Fall ist der Patient zwar gegenüber einem bestimmten Lebensmittel sensibilisiert, kann dieses aber ohne Auftreten von sichtbaren Folgereaktionen verzehren. Deshalb sollte nach dem Verzicht auf Erdnüsse und Nüsse immer eine Wiederaufnahme in den Speiseplan erfolgen – sei es über direkte orale Gabe oder einen speziellen Wiedereinführungsplan zu Hause (5).
Im Allgemeinen sollten Patienten, die eine medizinische Vorgeschichte mit direkt erkennbaren Symptomen aufweisen, nur unter medizinischer Aufsicht orale Dosen verabreicht bekommen.
Diese Vorgehensweise sollte unbedingt auch bei den folgenden Risikogruppen beachten werden:
- Jugendliche oder junge Erwachsene, die gegenüber Erdnüssen oder Nüssen sensibilisiert sind und schwere Folgereaktionen wie etwa Asthma, allergiegekoppelte Neurodermitis oder Nasenschleimhautentzündung zeigen
- Menschen, die schon bei kleinen Mengen von Nüssen oder Erdnüssen allergisch reagieren.
- Patienten, die Erdnüsse und Nüsse für eine lange Zeitdauer völlig von ihrem Speiseplan verbannt haben
- Personen, die in ihrem Einzugsgebiet keine notfallmedizinische Einrichtung haben.
Gewöhnung des Körper an Nussverzehr
Ernährungswissenschaftler können helfen, einen geeigneten Ernährungsplan für den „Wiederverzehr“ eines allergieauslösendes Lebensmittel zu entwickeln, in dem die Menge des betreffenden Produkts schrittweise gesteigert wird. Doch dabei ist die genaue Dosierung einzuhalten: Studien haben gezeigt, dass sich die Patienten selbst in der Regel Dosen verabreichen, die deutlich über der empfohlenen Startmenge liegen (6).
Vorsicht walten lassen bei der Aufnahme von Erdnüssen und Nüssen in den Speiseplan
Häufig raten Gesundheitsprofis, die keine spezielle Erfahrung mit Lebensmittelallergien haben, Patienten schlicht „Erdnüsse und Nüsse vorsichtig in die Ernährung zu integrieren“. Das ist ein schlechter Rat! Denn Patienten, die auf den erneuten Verzehr ansprechen, können schwere allergische Folgereaktionen erleiden. Es ist wichtig den Patienten ganz genaue Anweisungen zu geben, wie sie die Nüsse in ihre Ernährung integrieren sollen. Aktuell haben Clark et al. die Ergebnisse einer erfolgreichen Studie zur oralen Immuntherapie (OIT) bei Fällen schwerer Erdnussallergie veröffentlicht (7). Bei der klinischen Studie wurden vier von Erdnussallergie betroffenen Kindern stufenweise steigende Mengen der Allergieauslöser verabreicht. Obwohl diese Ergebnisse neue therapeutische Wege beschreiten, befindet sich die orale Immuntherapie immer noch in der Testphase. Insbesondere muss noch untersucht werden, ob die Toleranz langfristig bestehen bleibt.
Quellen:
1) Grundy J., Matthews S., Bateman B., Dean T. and Arshad S.H. Rising prevalence of allergy to peanut in children: Data from 2 sequential cohorts. J Allergy Clin Immunol 2002; 110: 784-9.
2) Ewan P.W. and Clark A.T. Long-term prospective observational study of patients with peanut and nut allergy after participation in a management plan. Lancet 2001; 357: 111-15.
3) Fleischer D.M., Conover-Walker M.K., Christie L., Burks A.W. and Rood R.A. The natural progression of peanut allergy: Resolution and the possibility of recurrence. J Allergy Clin Immunol 2003; 112: 183-9.
4) Vlieg-Boerstra B.J., Duiverman E.J., van der Heide S., Bijleveld C.M.A., Kukler J. and Dubois A.E.J. Should children with a history of anaphylaxis to foods undergo challenge testing? Clin Exp Allergy 2008; 38: 1935-42.
5) Venter C., Vlieg-Boerstra B.J. and Carling A. The diagnosis of food hypersensitivity. In Skypala I, Venter C (editors): Food hypersensitivity. Diagnosing and managing food allergies and intolerance. Wiley-Blackwell. 2009.
6) Vlieg-Boerstra B.J., Dubois A.E.J., van der Heide S., Bijleveld S.M.A., Wolt-Plompen S.A.A., Oude Elberink J.N.G., Kukler J., Venter C., Jansen D.F. and Duiverman E.J. Ready-to-use introduction schedules for first exposure to major allergenic foods in children at home. Allergy 2008; 63: 903-9.
7) Clark A.T., Islam S., King Y., Deighton J., Anagnostou K. and Ewan P.W. Successful oral tolerance induction in severe peanut allergy. Allergy 2009; 2009 Feb 17. [Epub ahead of print]
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2. Spielen Antioxidantien in Nüssen eine Rolle bei der Prävention von chronischen Erkrankungen?
Mehrere große epidemiologische Studien verweisen darauf, dass der Verzehr von Nüssen mit einem verringerten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergeht. Die meisten Studien schreiben die ausschlaggebenden, positiven Veränderungen im Lipid-Profil des Blutes dem günstigen Fettgehalt von Nüssen zu. Allerdings sinkt bei regelmäßigem Nussverzehr das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen so deutlich, dass neben den beschriebenen Veränderungen auch noch andere Faktoren im Spiel sein müssen. Nüsse enthalten nämlich noch weitere Nährstoffe, die zur Gesunderhaltung des Herz-Kreislauf-Systems beitragen können – etwa Polyphenole, darunter vor allem die Gruppe der Flavonoide. Über diese antioxidativen Nährstoffe, ihre Beschaffenheit und Zusammensetzung sowie ihre Wirkung im menschlichen Körper ist jedoch bislang nur wenig bekannt.
Nüsse enthalten viele Antioxidantien
Eine aktuelle In-vitro-Studie von Yang et al. hat ergeben, dass Nüsse große Mengen an Phenolen, Polyphenolen und Flavonoiden enthalten, die wiederum für ihre hohe antioxidative Kapazität bekannt sind. Das gilt insbesondere für Walnüsse und Pekannüsse. Die Forscher fanden heraus, dass die Höhe des Phenolgehalts mit der antioxidativen Kapazität der jeweiligen Nusssorte eng zusammenhängt. Zudem konnte gezeigt werden, dass dank der höheren antioxidativen Kapazität die Zellvermehrung in menschlichem Lebergewebe deutlich abnimmt. Ein Effekt, der möglicherweise auch die Tumorbildung hemmen könnte.
Höhere antioxidative Aktivität im menschlichen Körper
Eine andere aktuelle In-vivo-Studie von Torabian et al. brachte tiefergehende Erkenntnisse über die Bioverfügbarkeit der verschiedenen phenolischen Komponenten in Nüssen und deren antioxidative Aktivität im menschlichen Organismus. Dreizehn gesunde Erwachsene nahmen an der randomisierten Kreuzstudie teil. Dabei wurde die direkte Wirkung von verzehrten Mandeln und Walnüssen auf den Polyphenol-Gehalt im Blutplasma untersucht, ebenso die antioxidante Kapazität und die Lipid-Peroxidation (oxidativer Abbau von Lipiden). Die Teilnehmer bekamen entweder einen Smoothie, angereichert mit Mandeln oder Walnüssen, bzw. einen Smoothie ohne Nüsse zum Frühstück. Immer nach einer Woche Pause wurden die nächsten Testportionen verabreicht und den Probanden jeweils 30, 90, 150 und 210 Minuten nach dem Verzehr Blutproben entnommen.
Schon 30 Minuten nach dem Verzehr eines mit Nüssen angereicherten Smoothies stiegen der Phenolgehalt im Plasma und die antioxidative Kapazität. Der höchste Wert war nach jeweils 90 Minuten erreicht. Es zeigte sich: Der Walnuss-Smoothie erzielte bessere Werte beim Phenolgehalt. Der Mandel-Smoothie hingegen punktete bei der antioxidativen Kapazität. Dass lässt sich ansatzweise dadurch erklären, dass Mandeln mehr antioxidatives Vitamin E enthalten.
Verzehr von Nüsse für ein gesundes Herz
Nach Verzehr der Nuss-Smoothies nahm die Lipid-Peroxidation im Blut ab. Entsprechende Abbau-Produkte sind hoch reaktiv und können Gewebe schädigen. Das lässt darauf schließen, dass die antioxidative Kapazität von Nüssen dazu beitragen kann, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken - wenn diese häufig verzehrt werden. Natürlich können auch weitere förderliche Nährstoffe (nicht nur phytochemikalische) in Nüssen, die im Rahmen der Studie nicht untersucht worden sind, bei der Schutzwirkung eine Rolle spielen. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Autoren weitere Beweise geliefert haben, um die Empfehlung der Amerikanischen Herzgesellschaft zu untermauern, bei einer herzförderlichen Ernährungsweise wenigstens 28 bis 56 Gramm Nüsse pro Tag zu verzehren.
Quellen:
1) Yang. J., Liu R.H. and Halim L. Antioxidant and antiproliferative activities of common edible nut seeds. Food Science and Technology 2009; 42: 1-8.
2) Torabian S., Haddad E., Rajaram S., Banta J. and Sabaté J. Acute effect of nut consumption on plasma total polyphenols, antioxidant capacity and lipid peroxidation. Journal of Human Nutrition and Dietetics 2009; 22: 64-71.
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3. Orale Immuntherapie: Eine neue Methode, bei Erdnussallergie Toleranz aufzubauen
Rund zwei Prozent aller Kinder in Großbritannien leider an einer Erdnussallergie und bekämpfen diese nur in seltensten Fällen im Laufe ihres Lebens erfolgreich. Clark et al. haben an vier Jungen mit schwerer Erdnussallergie eine orale Immuntherapie (Therapie durch Verzehr des betreffenden Lebensmittels) erprobt. Sie schlossen aus den Tests, dass die Immuntherapie eine wirksame Behandlungsmethode sein könnte, um die Toleranz gegenüber Erdnüssen schon im Kindesalter aufzubauen.
Orale Immuntherapie
Um die „Diagnose Erdnussallergie” zu bestätigen und die Proteinmenge zu ermitteln, die eine allergische Reaktion auslöst, erhielten die vier Kinder (9 bis 13 Jahre) vor Beginn der Studie entweder ein Placebo oder ein aktives Protein (Erdnussmehl) in unterschiedlichen Dosen (1, 5, 25, 50, 75 und 100 Milligramm). Darauf basierend wurde die Startproteinmenge für den eigentlichen Test festgelegt. Nachdem die kleinen Patienten erstmalig eine höhere Dosis erhalten hatten, wurden sie zwei Stunden in einer Klinik beobachtet. Gab es keine Komplikationen, konnten sie die gleiche Erdnussmehl-Menge die kommenden zwei Wochen zu Hause einnehmen. Danach wurde die Dosis so lange um das Doppelte erhöht, bis die Maximaldosis von 800 Milligramm Protein (1.600 Milligramm Erdnussmehl) erreicht war.
Sechs Wochen nach der letzten Immunisierungsdosis wurden die Patienten getestet und bekamen zehn bis zwölf ganze Erdnüsse zu essen, um die größtmögliche tolerierbare Menge zu ermitteln. Diese Menge wurde mit der Höchstdosis vor Beginn der Studie verglichen. Damit die erworbene Toleranz nicht verloren geht, wurde nachfolgend die Ration von 800 Milligramm pro Tag weiterhin verabreicht – als Erdnussmehl, -butter oder in Form von ganzen gerösteten Erdnüssen. Alle Jungen tolerierten die Phase mit der erhöhten Dosis bis hin zu 800 Milligrammohne schwere Folgereaktionen und nahmen diese Dosis auch weitere sechs Wochen unbeschadet ein.
Induzierte Erdnuss-Toleranz
Nach der oralen Immuntherapie waren die Jungen in der Lage, zehn bis zwölf Erdnüsse zu essen, ohne darauf allergisch zu reagieren. Diese Dosis war deutlich höher (49- bis 478-mal) als diejenige, die sie vor der Behandlung tolerieren konnten und ebenso höher als eine Dosis, wie sie durch zufälligen Verzehr aufgenommen werden könnte. Nach Ansicht der Forscher sind aber Nachfolgestudien nötig, um zu ermitteln, wie lange und wie kompakt eine Therapie ablaufen muss, damit eine langfristige Toleranz erreicht wird.
Quelle:
1) Clark A.T., Islam S., King Y., Deighton J., Anagnostou K. and Ewan P.W. Successful oral tolerance induction in severe peanut allergy. Allergy 2009; 2009 Feb 17. [Epub ahead of print]
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